Von der Sozialarbeiterin zur Wegbereiterin der Bonner Diakonie

Wiltrud Niemeyer gestaltete über Jahrzehnte den Aufbau sozialer Hilfen in Bonn mit. Pragmatismus, Weitblick und Geschick für tragfähige Bündnisse zeichneten ihre Arbeit aus. Ob Ambulante Pflege, Schwangerenberatung oder Stadtteilbüros: An der Gründung vieler Dienste war sie während ihres 33-jährigen Engagements für die Diakonie maßgeblich beteiligt.

Ein Gespür für soziale Verantwortung prägte Wiltrud Niemeyer von Anfang an. Erste praktische Erfahrungen sammelte die spätere erste Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes Bonn bereits als Jugendliche in der lokalen kirchlichen Jugendarbeit. 1952 begann sie schließlich ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin und setzte damit konsequent ihren Weg in der Sozialen Arbeit fort. Mit einem Anerkennungsjahr in Remscheid schloss sie ihre Qualifikation ab. Dass Niemeyers Engagement nach dreijähriger Wartezeit schließlich in die Leitung des Gemeindedienstes für Innere Mission mündete – „Vom Presbyterium der Kreuzkirchengemeinde hörte ich immer wieder, ich solle mich bereithalten“, erinnert sie sich –, legte den Grundstein für die spätere Diakonie in Bonn.

Als Wiltrud Niemeyer am 1. Januar 1960 ins Amt startete, standen ihr drei Mitarbeiterinnen in einem kleinen Büro am Martinsplatz zur Seite. Kernthemen waren Vormundschaften und – ja, auch damals schon – die „Flüchtlingsarbeit“. Vor allem deutsche Geflüchtete und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus Ostmittel-bzw. Südosteuropa sowie Menschen, die aus der DDR flohen, gehörten zur Klientel. Zum damaligen Aufgabenfeld des Teams zählten auch die Bahnhofsmission am Bonner Hauptbahnhof, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingerichtet und gemeinsam mit dem Caritasverband getragen wurde, sowie die 1971 gegründete Suchtberatung, die bis heute ebenfalls in Kooperation mit der Caritas besteht. 1974 wurde als Vorläufer der heutigen Stadtteilbüros außerdem die erste Außenstelle in Endenich/Dransdorf eröffnet.

Auch institutionell entwickelte sich diakonische Arbeit in diesen Jahren weiter. Anfang 1975 entstand auf Bundesebene aus Innerer Mission und Evangelischem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (DW EKD) das Diakonische Werk.

Als auch in Bonn das Diakonische Werk der Kirchenkreise Bonn und Bad Godesberg im Juli 1975 seine Arbeit aufnahm, musste zunächst vieles neu aufgebaut werden. Gleichzeitig ging es darum, die sozialen Probleme vor Ort zu erfassen und der Diakonie in Bonn ein Profil als verlässliche soziale Kraft zu geben.

In dieser Phase stand Wiltrud Niemeyer als Geschäftsführerin an der Spitze eines noch kleinen Werkes, das Schritt für Schritt an Profil gewann. Unter ihrer Leitung entstanden Angebote, die weit über den Moment hinauswirkten: die Ambulante Pflege ab 1975, die Schwangerenberatungsstelle 1976, der Verein für Gefährdetenhilfe 1977 und im August 1986 die Zentrale Schuldnerberatung Bonn als gemeinsame Gründung von Caritas und Diakonie in Bonn. Auch das Behindertenreferat wurde während ihrer Amtszeit aus der Taufe gehoben.

„Diese Jahre waren nicht nur Jahre des Aufbaus, sondern auch Jahre des Aushandelns“, erklärt Niemeyer. Neue diakonische Dienste entstanden nicht von selbst. Sie brauchten Partner, Vertrauen, öffentliche Unterstützung und eine Stimme im sozialpolitischen Raum. Wiltrud Niemeyer musste deshalb weit über die Grenzen des eigenen Hauses hinaus wirken. Sie knüpfte Kontakte, suchte Verbündete und arbeitete daran, dass die Diakonie mit Politik, Verwaltung, Kirchen und anderen Trägern belastbar zusammenarbeiten konnte. Wer in dieser Zeit neue Hilfen dauerhaft verankern wollte, musste Netzwerke aufbauen und sich auch in politische Zusammenhänge einbringen. Für Niemeyer endete dieses Engagement dabei selten an der Bürotür: „Berufliches und Privates gingen oft ineinander über“, blickt sie zurück. Die Arbeit für die Diakonie bestimmte weite Teile ihres Lebens.

So wuchs die Diakonie Bonn in der Zeit von Niemeyers Wirken bis 1991 nicht nur organisatorisch, sondern auch in ihrer öffentlichen Bedeutung. Aus einzelnen Initiativen wurde ein wachsendes Gefüge sozialer Hilfen, das auch in der Stadtgesellschaft zunehmend Gewicht bekam. Wiltrud Niemeyer war dabei nicht nur die erste Geschäftsführerin, sondern eine Wegbereiterin. Heute ist sie 95 Jahre alt und lebt in stationärer Betreuung.