Drohende Schulden? Nicht den Kopf in den Sand stecken!

Überschuldung ist kein Randthema, sondern eine soziale Realität mitten unter uns. Die Überschuldungsquote in Bonn ist 2025 erneut gestiegen: von 7,04 auf 7,23 Prozent, wie der Jahresbericht der Zentralen Schuldnerberatung von Diakonie und Caritas offenlegt. Was nüchtern nach Statistik klingt, wird im Alltag schnell greifbar: In einer voll besetzten Bonner Straßenbahn mit etwa 180 Fahrgästen stehen durchschnittlich rund 13 Menschen, die aktuell mit massiven finanziellen Problemen und der Angst vor einer Pfändung leben. Warum frühe Hilfe wichtig ist und wie kleine Schritte dabei helfen können, gar nicht erst in die Schuldenfalle zu geraten, erklärt Stefanie Aumüller, Einrichtungsleitung der Zentralen Schuldnerberatung Bonn, die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert.

 

Frau Aumüller, woran merken Menschen frühzeitig, dass aus normalen Schulden eine Überschuldung werden kann?

Aumüller: Viele Menschen haben Schulden – und das ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Ob der Immobilienkredit nach dem Hauskauf, ein BAföG-Darlehen während des Studiums oder die Finanzierung eines Autos: Kredite gehören für viele Menschen zum Alltag und lassen sich bei einer stabilen finanziellen Situation problemlos bewältigen. Solange die monatlichen Raten regelmäßig bezahlt werden können und genügend finanzieller Spielraum für den Lebensunterhalt bleibt, stellen Schulden in der Regel kein Problem dar.

Kritisch wird es jedoch dann, wenn die finanzielle Belastung spürbar zunimmt. Häufig beginnt es mit einem Absinken der Einkünfte z.B. durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit oder unerwartet gestiegenen Ausgaben. Die monatlichen Raten werden zunehmend zur Belastung und die Zahlung der laufenden Kosten entwickelt sich zu einem Kraftakt. Oft machen sich Menschen an dieser Stelle Sorgen über die finanzielle Situation. Und dieses Bauchgefühl ist ein ganz wichtiges Warnsignal.

Oftmals versuchen Betroffene dann eine Lösung zu finden beispielsweise durch neue Kredite oder das Überziehen des Kontos. Für manche Menschen kann das kurzfristig helfen, langfristig droht jedoch eine Verschärfung der Situation. Daher ist es wichtig, frühzeitig Warnzeichen zu erkennen, auf das Bauchgefühl zu hören und rechtzeitig Unterstützung in Anspruch zu nehmen, bevor sich die Situation weiter verschlimmert.

Von einer Überschuldung spricht man schlussendlich dann, wenn die vorhandenen Schulden dauerhaft nicht mehr mit dem laufenden Einkommen und dem vorhandenen Vermögen beglichen werden können.

Was sollten Betroffene als Erstes tun, wenn sie merken: Ich verliere den Überblick über meine Rechnungen und Schulden?

Aumüller: Das Wichtigste vorab: Ruhe bewahren, nicht in Panik geraten und Schritt für Schritt Überblick verschaffen! Auch wichtig: Schulden sind schlimm, aber oftmals finden sich Lösungen.

Der erste und wichtigste Schritt ist, sich einen vollständigen Überblick über die eigene finanzielle Situation zu verschaffen. Dafür empfiehlt es sich, ein klassisches Haushaltsbuch zu führen, in der Form, die zu mir passt – analog oder digital z.B. auf dem Handy.

 Entscheidend ist über einen längeren Zeitraum, sämtliche Einnahmen und Ausgaben, egal wie klein sie auch sein mögen, aufzuschreiben. So wird schnell sichtbar, ob die monatlichen Ausgaben möglicherweise höher sind als die verfügbaren Einnahmen. Auch kann man so schnell erkennen, ob es Sparpotential gibt.

Wichtig ist auch, Post nicht zu ignorieren. Viele Menschen mit Schulden verbinden Post mit unangenehmen Nachrichten. Nicht selten hören wir von Ratsuchenden, dass sie Angst haben, die Briefe zu öffnen. Das ist jedoch sehr wichtig, um einen Überblick über die Situation zu erhalten. Wenn man sich alleine nicht mehr traut, hilft es, sich einer Person anzuvertrauen und mit dieser gemeinsam die Post zu öffnen.

Für mehr Klarheit sorgt auch das Erstellen einer Liste aller Gläubiger, die bereits Mahnungen geschickt haben. Wer unsicher ist, bei welchen Stellen überhaupt Schulden bestehen – etwa, weil Briefe verloren gegangen sind oder über längere Zeit nicht geöffnet wurden – sollte damit beginnen, sämtliche Post sorgfältig zu sammeln und zu sortieren. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, bei Auskunfteien wie der SCHUFA eine Selbstauskunft anzufordern.

Zusammenfassend gilt: Nicht den Kopf in den Sand stecken. Auch wenn die Situation sehr belastend ist und man auf den ersten Blick kein Licht am Ende des Tunnels sieht, gibt es oftmals eine Lösung für die Verschuldungssituation. Der erste Schritt dorthin ist, sich Überblick zu verschaffen.

Viele Menschen schämen sich für Schulden und warten lange, bevor sie Hilfe suchen. Was möchten Sie ihnen sagen – und wie kann die Schuldnerberatung konkret helfen?

Aumüller: Viele Menschen empfinden Scham, wenn sie Schulden haben. Aus Angst vor Vorurteilen fällt es ihnen oft schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich an eine Schuldnerberatungsstelle zu wenden. Dabei ist es wichtig zu wissen: Sie sind mit Ihren Sorgen nicht allein. Finanzielle Schwierigkeiten können jeden Menschen treffen, unabhängig von Einkommen, Beruf oder gesellschaftlichem Status. Häufig führen unvorhergesehene Ereignisse wie Krankheit oder Arbeitslosigkeit zur Überschuldung.

Schuldnerberatungsstellen sind dafür da, Menschen in schwierigen finanziellen Situationen zu unterstützen – ohne zu urteilen. Ziel unserer Beratung ist es, gemeinsam einen Weg aus der finanziellen Belastung zu finden und wieder Struktur sowie Perspektive zu schaffen. Das Angebot von Diakonie und Caritas in Bonn ist dabei kostenlos.

Viele Menschen haben außerdem Sorge, mit der Suche nach Hilfe die Kontrolle über ihre eigenen Entscheidungen zu verlieren. Doch auch diese Angst ist unbegründet. Eine Schuldnerberatung entscheidet nicht über ihren Kopf hinweg. Die Aufgabe der Beratung besteht darin, Möglichkeiten aufzuzeigen, Zusammenhänge verständlich zu erklären und Empfehlungen zu geben. Welche Schritte man letztlich geht, bleibt die eigene Entscheidung. Die Beratung unterstützt Ratsuchende dabei, Entscheidungen zu treffen und Schritt für Schritt in Richtung Entschuldung zu gehen.

Für akute Fragen sind die Berater und Beraterinnen der Zentralen Schuldnerberatung Bonn montags und mittwochs zwischen 11:00 Uhr und 12:00 Uhr in der Telefonsprechstunde unter 0228-96 96 6-55 erreichbar.